Pharma-Kritik

Haben pränatale Steroide psychiatrische Folgen?

Natalie Marty
pharma-kritik Jahrgang 42, Nummer 2, PK1108
Redaktionsschluss: 30. August 2020
Unter Psychopharmaka kann es zu einer massiven Gewichtszunahme kommen. Dafür sind in erster Linie Neuroleptika und einzelne Antidepressiva verantwortlich. Im Rahmen eines deutschen Forschungsprojekts zur Arzneimittelsicherheit wurden solche Fälle anlässlich von Klinikaufenthalten erfasst. Da diese Aufenthalte teilweise nur kurz dauerten, fand sich allerdings nur bei knapp 0,1% aller psychiatrisch Hospitalisierten eine Gewichtszunahme um mehr als 10 kg. In der Praxis sind solche Fälle wohl viel häufiger.
Die Verabreichung von Kortikosteroiden an Frauen, bei denen mit einer Frühgeburt vor der 34. Woche gerechnet werden muss, gilt als wichtiger Fortschritt in der Geburtshilfe. Bei sehr frühgeborenen Kindern kann so die Lungenreifung beschleunigt werden. Neuerdings wurde über eine Ausweitung der Indikation auf späte Frühgeburten (34.-36. Schwangerschaftswoche) und für Kaiserschnitte am Geburtstermin diskutiert. In einer retrospektiven Kohortenstudie aus Finnland wurde untersucht, ob eine pränatale Steroidbehandlung mit psychischen Störungen beim Kind assoziiert ist.1 Zwischen 2006 und 2017 konnten 14'868 Einzelgeburten mit pränataler Steroidexposition identifiziert und im Median 5,8 Jahre nachbeobachtet werden. Bei 1785 (12,0%) dieser Kinder fan­den sich psychische Störungen (Verhaltensauffälligkeiten, Autismus, ADHD u.a.), signifikant mehr als bei nicht-exponierten Kindern (6,4%). Der Unterschied ergab sich überwiegend bei den am Termin geborenen Kindern, für Frühgeborene betrug die entsprechende «Hazard Ratio» 1,0. Im begleitenden Editorial wird darauf hingewiesen,2 dass die Häufigkeit psychischer Störungen möglicherweise unterschätzt wurde, weil die Nachbeobachtungszeit relativ kurz war und nicht auch hausärztlich gestellte Diagnosen berücksichtigt wurden. Verzerrungen vieler Art können in solchen Beobachtungsstudien nicht ausgeschlossen werden. Dennoch sollten Empfehlungen zur Ausweitung der Verabreichung von Steroiden wohl kritisch betrachtet werden, bis die Risiken, besonders für nahe am Termin geborene Kinder, besser untersucht sind.

Dieser Text ist passwortgeschützt. Wenn Sie ihn lesen möchten, haben Sie folgende Möglichkeiten:


Mit einem pharma-kritik-Abonnement haben Sie jederzeit Zugang zu den Volltexten und noch weitere Vorteile. Beachten Sie unsere aktuellen Angebote.

pharma-kritik abonnieren

Login

Passwort anfordern

100 wichtige Medikamente

med111.com

mailingliste abonnieren

pharma-kritik Jahrgänge
Jahrgang 42 (2020)
Jahrgang 41 (2019)
Jahrgang 40 (2018)
Jahrgang 39 (2017)
Jahrgang 38 (2016)
Jahrgang 37 (2015)
Jahrgang 36 (2014)
Jahrgang 35 (2013)
Jahrgang 34 (2012)
Jahrgang 33 (2011)
Jahrgang 32 (2010)
Jahrgang 31 (2009)
Jahrgang 30 (2008)
Jahrgang 29 (2007)
Jahrgang 28 (2006)
Jahrgang 27 (2005)
Jahrgang 26 (2004)
Jahrgang 25 (2003)
Jahrgang 24 (2002)
Jahrgang 23 (2001)
Jahrgang 22 (2000)
Jahrgang 21 (1999)
Jahrgang 20 (1998)
Jahrgang 19 (1997)
Jahrgang 18 (1996)
Jahrgang 17 (1995)
Jahrgang 16 (1994)
Jahrgang 15 (1993)
Jahrgang 14 (1992)
Jahrgang 13 (1991)
Jahrgang 12 (1990)
Jahrgang 11 (1989)
Jahrgang 10 (1988)