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Neuraminidasehemmer bei Influenza

m -- Jefferson T, Jones M, Doshi P et al. Neuraminidase inhibitors for preventing and treating influenza in healthy adults: systematic review and meta-analysis. BMJ 2009 (8. Dezember); 339: b5106 [Link]
Zusammengefasst von: Anne Witschi
infomed screen Jahrgang 14 (2010) , Nummer 2
Datum der Ausgabe: März 2010

Die Qualität einer systematischen Übersichtsarbeit, die 2006 den Nutzen von Neuraminidasehemmern bei der Behandlung von Influenza bestätigt hatte, wurde aus methodologischen Gründen in Frage gestellt. Die Verantwortlichen der kontroversen Publikation analysierten die Daten deshalb neu, diesmal unter strenger Selektion qualitativ guter Studien. Die prophylaktische und therapeutische Wirksamkeit von Neuraminidasehemmern wurde in einer Meta-Analyse untersucht. Zur Beurteilung des Nebenwirkungsprofils dieser Medikamente wurden amerikanische und japanische Datenbanken, sowie Pharmakovigilanzdaten von Pharmaunternehmen verwendet.

Die vorliegende Meta-Analyse, die vier Studien zur Prophylaxe und zwölf Studien zur Behandlung mit Neuraminidasehemmern einbezog, ergab Folgendes: Die Behandlung einer Grippe mit Oseltamivir (Tamiflu®) oder mit Zanamivir (Relenza ®) verkürzte die Krankheitsdauer um einen Tag. Oseltamivir (zu Zanamivir gibt es diesbezüglich keine Daten) schützte aber nicht vor Komplikationen wie Lungenentzündung, Sinusitis, Bronchitis oder Mittelohrentzündung. Oseltamivir und Zanamivir, prophylaktisch verabreicht, schützten vor einer laborbestätigten Infektion mit Influenzaviren. Die Häufigkeit von grippeähnlichen Erkrankungen hingegen blieb unbeeinflusst. Entsprechend waren beide Medikamente auch als Postexpositionsprophylaxe wirksam, wenn sie nachgewiesenermassen gegenüber Influenzaviren exponierten Personen verabreicht wurden. Oseltamivir verursachte oft Nausea, während Zanamivir gut vertragen wurde. Die Pharmakovigilanzdaten zu neuropsychologischen Nebenwirkungen lassen wegen limitierter Qualität keine Schlüsse zu.

Gemäss Nachanalyse der Daten haben Neuraminidasehemmer, insbesondere in Bezug auf das Auftreten von Komplikationen, eine bescheidenere Wirksamkeit gegen Grippe, als man früher gedacht hatte. Am wirksamsten sind sie als Prophylaxe oder Postexpositionsprophylaxe. Das allerdings nur, wenn es um die Verhinderung einer laborbestätigten Influenza geht.

Demnach haben Neuraminidasehemmer ausserhalb einer Pandemiesituation, ausser in Einzelfällen (beispielsweise bei Immunsupprimierten), keinen grossen Stellenwert. Während einer Grippepandemie hingegen kann davon ausgegangen werden, dass den meisten grippeähnlichen Erkrankungen eine Infektion durch Influenzaviren zugrunde liegt.

Neuraminidasehemmer, prophylaktisch verabreicht, wären deshalb in einer solchen Situation nützlich und könnten, wie bisher angenommen, zur Eindämmung einer Grippepandemie beitragen. Allerdings besteht bei zu grosszügiger prophylaktischer Anwendung nach wie vor die Gefahr einer raschen Resistenzentwicklung. Ernüchternd und besorgniserregend sind die Resultate bezüglich Komplikationen. Den präventiven Massnahmen kommt demzufolge eine umso grössere Bedeutung zu. Solange es hinsichtlich der neuropsychologischen Nebenwirkungen keine konklusiven Daten gibt, soll mit Neuraminidasehemmern vorsichtig umgegangen und die Rezeptpflicht beibehalten werden.

Zusammengefasst von Anne Witschi

 

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