Medikamentös induzierte Sehstörungen

Medikamente können zu Ametropien – Myopie und Hyperopie – und zu Akkomodationsstörungen führen und auch auf andere Weise Sehstörungen verursachen. In der Ausgabe vom Januar 2010 von «La Revue Prescrire» findet sich dazu ein Übersichtsartikel. (1)

Merkmale medikamentöser Störungen

Medikamentös verursachte Ametropien und Akkomodationsstörungen sind meistens bilateral, treten plötzlich auf, können aber auch rasch wieder verschwinden. Subjektiv klagen die Betroffenen meistens darüber, «unscharf» zu sehen. Wie sich die Störung auswirkt, ist nicht nur vom verursachenden Medikament, sondern auch von der vorbestehenden Sehschärfe und weiteren individuellen Faktoren abhängig. Tritt plötzlich und unerklärt eine Sehstörung auf, sollte man in jedem Fall überprüfen, ob die betroffene Person erst gerade mit der Einnahme eines neuen Medikamentes begonnen hat. Sofern eine medikamentöse Ursache vermutet wird und das entsprechende Medikament abgesetzt werden kann, bestätigt sich die Diagnose von selbst, wenn die Sehstörung nach Absetzen bald verschwindet. 

Medikamente mit anticholinergischer Wirkung

Atropin ist der Prototyp der Muscarinrezeptor-Antagonisten, die (unter anderem) zu einer Akkomodationsstörung und Mydriase führen. So ergibt sich eine Pseudopresbyopie, die sich vor allem bei jungen Leuten störend auswirkt. Bei Personen mit einem engen iridokornealen Winkel kann die Mydriase zu einem Engwinkelglaukom führen.

Direkt am Auge werden solche Medikamente in erster Linie angewendet, um eine Zykloplegie (Lähmung des Ziliarmuskels) zu erreichen.  Neben Atropin und Scopolamin werden dazu Cyclopentolat (Cyclogyl ®) und Tropicamid (Mydria ticum Dispersa, Tropicamide Favre) verwendet. Tropicamid weist eine relativ kurze Wirkungsdauer von wenigen Stunden auf.  Die anticholinergischen Wirkungen der anderen Präparate können (nicht nur am Auge, sondern eventuell auch systemisch) vereinzelt viele Tage lang andauern. 

Mehrere Medikamente, die zur Behandlung gastro-intestinaler und urologischer Probleme eingesetzt werden, haben anticholinergische Eigenschaften. Dazu gehören z.B. Spasmolytika wie Metixen (in Spasmo-Canulase ®) und Scopolaminbutylbromid (Buscopan®) sowie Medikamente, die bei Reizblase-Beschwerden verschrieben werden (Tolterodin = Detrusitol ® und viele andere).

In der Neurologie und Psychiatrie werden ebenfalls Medikamente verwendet, die mehr oder weniger ausgeprägte anticholinergische Eigenschaften haben. Beispiele sind die trizyklischen Antidepressiva (weniger auch die selektiven Serotonin Wiederaufnahmehemmer), viele Neuroleptika, mehrere Parkinson-Therapeutika (z.B. Biperiden = Akineton®). Auch Amantadin (Symmetrel ® u.a.) und Memantin (Axura ®, Ebixa ®) haben anticholinergische Wirkung.

Anticholinergische Effekte an den Augen können selbstver ständlich auch unter Ipratropium (Atrovent ® u.a.) und Tiotropium (Spiriva ®) beobachtet werden. Dies gilt auch für die meisten älteren H1-Antihistaminika wie z.B. Hydroxyzin (Atarax®). 

Cholinergisch wirkende Medikamente

Medikamente, die zu einer Acetylcholin-Wirkung auf die parasympathischen Nervenfasern führen, wirken sich ebenfalls auf die Augen aus: sie erzeugen einen Akkomodations-Spasmus und eine Miose. Es handelt sich vorwiegend um Muscarin-Rezeptoragonisten oder Cholinesterasehemmer.

Direkt am Auge werden Acetylcholin (Miochol ® E) und Carbachol (Miostat ®) bei Augenoperationen sowie Pilocarpin (Spersacarpine ®) bei Glaukom verwendet, letzteres allerdings – wegen der Sehstörungen – nur ausnahmsweise.

Systemisch werden Cholinesterasehemmer bei Myasthenien und intestinaler Atonie verschrieben: die entsprechenden Substanzen heissen Neostigmin (Prostigmin®) und Pyridostigmin (Mestinon®). Drei Cholinesterasehemmer werden zur Behandlung der Alzheimer-Demenz eingesetzt: Donepezil (Aricept ®), Galantamin (Reminyl ®) und Rivastigmin (Exelon®). Auch das Zytostatikum Irinotecan (Campto® u.a.) hat Cholinesterasehemmer-Eigenschaften.

Varenicilin (Champix®), ein partieller Nikotinrezeptor Agonist, der zur adjuvanten Therapie beim Tabakentzug empfohlen wird, kann ebenfalls verschiedene Augensymptome verursachen. 

Andere Medikamente

Es gibt eine Reihe von weiteren Medikamenten, die Sehstörungen (Myopie, Akkomodationsstörungen) hervorrufen können, wobei man sich über den genauen Mechanismus oft nicht im Klaren ist.

Topiramat (Topamax® u.a.) und verschiedene Diuretika können zu Veränderungen des Flüssigkeitsgehalts okulärer Strukturen führen, was eine Verengung der vorderen Augenkammer und ein Ödem des Ziliarkörpers verursacht. Damit wird der Abfluss des Kammerwassers behindert und der Augeninnendruck kann ansteigen.

Ähnliche Probleme wurden auch unter Karboanhydrasehemmern in oraler Form (Acetazolamid = Diamox®, Glaupax®) oder als Augentropfen (Brinzolamid = Azopt ®, Dorzolamid = Trusopt ® u.a.) beobachtet.

Sulfonamide und besonders die Kombination Cotrimoxazol (Bactrim® u.a.) können eine Myopie verursachen, die möglicherweise allergisch bedingt ist.

Chloroquin (Nivaquine ® u.a.) und Hydroxychloroquin (Pla quenil ®) können einerseits zu schwerwiegenden Augenveränderungen (Keratopathie, Retinopathie), anderseits vereinzelt auch zu verschwommenem Sehen ohne klare Ursache führen. Nicht nur unter Topiramat, sondern auch unter anderen Antiepileptika (Carbamazepin = Tegretol ® u.a.; Ethosuximid = Pethinimid®) kommen Sehstörungen vor.

Lithiumsalze verursachen besonders bei jungen Leuten Akkomodationsstörungen. 

Einzelfälle von Sehstörungen wurden ferner unter Metronida zol (Flagyl ® u.a.), Cyclophosphamid (Endoxan®), antilymphozytären Immunglobulinen, Flecainid (Tambocor ®), Glibenclamid (Daonil ® u.a.), Isotretinoin (Roaccutan® u.a.), Chinin und Isosorbiddinitrat (Isoket ® u.a.) beobachtet. 

Literatur

  1. 1) Anon. Rev Prescr 2010; 30: 24-8

Standpunkte und Meinungen

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Medikamentös induzierte Sehstörungen (10. Mai 2010)
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pharma-kritik, 31/No. 16
PK702

Medikamentös induzierte Sehstörungen