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Folgen des Cannabiskonsums bei Jugendlichen

m -- Macleod J, Oakes R, Copello A, et al. Psychological and social sequelae of cannabis and other illicit drug use by young people: a systematic review of longitudinal, general population studies. Lancet 2004 (15. Mai); 363: 1579-88 [Link]
Zusammengefasst von: Marcel Zwahlen
Kommentiert von: Jürgen Rehm
infomed screen Jahrgang 8 (2004) , Nummer 8
Datum der Ausgabe: August 2004

Studienziele 
Im Auftrag der britischen Gesundheitsbehörden wurde in dieser systematischen Übersichtsarbeit untersucht, ob und in welchem Ausmass illegaler Drogenkonsum und insbesondere der Konsum von Cannabis bei Jugendlichen negative psychosoziale Folgen hat. 

Methoden 
In einer breitgefächerten Literatursuche wurden 48 prospektive Studien bei Jugendlichen aus der Allgemeinbevölkerung identifiziert. Die Studienqualität wurde erfasst und die Resultate auf Beziehungen zwischen Cannabiskonsum und Konsum anderer Drogen, Änderungen in den Schulleistungen, psycho-soziale Gesundheit, und asoziales Verhalten untersucht. 

Ergebnisse 
Die Autoren beurteilten 16 Studien als von höherer Qualität. Konsistent war Cannabiskonsum mit schlechteren Schulleistungen und mit erhöhtem Konsum anderer Drogen assoziiert. Deutlich weniger konsistent waren die Zusammenhänge mit psychologischen und anderen gesundheitlichen Problemen (z.B. Schizophrenie, gewalttätiges Verhalten). Aufgrund der methodischen Schwächen der Studien bleibt offen, ob es sich dabei um Folgen des Cannabiskonsums handelt oder ob nicht sogar eine umgekehrte Kausalität angenommen werden muss (d.h. dass eine vorher bestehende psychosoziale Anfälligkeit oder Auffälligkeit zum Cannabis- oder Drogenkonsum geführt hat). Ähnliche Zusammenhänge wurden auch für Tabak- und Alkoholkonsum beobachtet. 

Schlussfolgerungen 
Die verfügbare Evidenz aus prospektiven, für die Allgemeinbevölkerung repräsentativen Studien lässt die Behauptung nicht zu, dass ein gesicherter Zusammenhang zwischen Cannabiskonsum von Jugendlichen und negativen psychosozialen Folgen besteht. Aufgrund der methodischen Schwierigkeiten kann auf der anderen Seite auch nicht restlos ausgeschlossen werden, dass ein schwächerer Zusammenhang besteht. 

Zusammengefasst von Marcel Zwahlen

Um die Drogenpolitik wird vielerorts kontrovers diskutiert, manchmal bis zur Erbitterung gestritten. Der politische Umgang mit Cannabis wirkt dabei besonders stark polarisierend. Gesundheitliche, psychische und soziale Konsequenzen stehen im Mittelpunkt dieser Debatte ohne Rücksicht darauf, ob es sich um postulierte, gefürchtete, erwünschte, oder empirisch erwiesene Folgen handelt. Gesichertes Wissen um Cannabisfolgen ist aber leider selten. Der Artikel von Macleod und Mitarbeitern ist deshalb so wichtig, weil er im Zentrum der Debatte, nämlich hinsichtlich psychischer und sozialer Folgen, wissenschaftliche Grundlagen zusammenträgt. Er wird deshalb von Kommissionen und Parlamenten zitiert werden, und es bleibt zu hoffen, dass seine vorsichtigen Schlussfolgerungen dort ein gleich sorgfältiges Gehör finden werden. In der Wissenschaft muss ein Umdenken stattfinden: weg von Querschnittsuntersuchungen mit hohem Beliebigkeitscharakter möglicher Schlüsse hin zu besser kontrollierten prospektiven Studiendesigns, die wichtige Fragen wirklich beantworten können.

Jürgen Rehm

 

Standpunkte und Meinungen

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Folgen des Cannabiskonsums bei Jugendlichen (August 2004)
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