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Big Pharma beherrscht Studien

m -- Lexchin J, Bero LA, Djulbegovic B et al. Pharmaceutical industry sponsorship and research outcome and quality: systematic review. BMJ 2003 (31. Mai); 326: 1167-70 [Link]
Kommentiert von: Etzel Gysling
infomed screen Jahrgang 7 (2003) , Nummer 9
Datum der Ausgabe: September 2003

Studienziele

Eine zunehmende Zahl klinischer und pharmakoökonomischer Studien findet mit Unterstützung der pharmazeutischen Industrie statt, was Möglichkeit bietet, bei der Gestaltung und Präsentation einer Studie Druck auszuüben. In dieser Arbeit wurde deshalb untersucht, welche Rolle bei Studien die Quelle der Geldmittel einnimmt.

Methoden

Es handelt sich um eine systematische Übersicht, in der 30 Studien zusammenfasst werden, in denen industrieunterstützte Forschungsarbeiten mit anderweitig finanzierten Arbeiten verglichen wurden. In diesen 30 Studien wurde die methodologische Qualität sowie die Art der Publikation beurteilt; ferner wurden die Schlussfolgerungen dahingehend analysiert, ob Wirksamkeit eines Medikamentes, Nebenwirkungen oder Kostenfolgen je nach Sponsor verschieden dargestellt wurden.

Ergebnisse

Nur in Bezug auf die methodologische Qualität wurden industriefinanzierte und unabhängige Studien als gleichwertig beurteilt. In den anderen Punkten fand man dagegen wesentliche Unterschiede. So dauerte es bei den industriefinanzierten Studien länger, bis sie veröffentlicht wurden, wobei auch die Wahrscheinlichkeit geringer war, dass sie überhaupt publiziert oder sonstwie vorgestellt wurden. Veröffentlichungen von industriefinanzierten Studien fanden häufiger in Zeitschriftenbeilagen statt, die im Anschluss an ein Symposium zusammengestellt wurden. In den meisten firmenunterstützten Studien wurde das Produkt der Sponsorfirma als günstig dargestellt, zu beobachten an einer breiten Palette medikamentös behandelter medizinischer Probleme. Beispielsweise wurde das Thromboembolie-Risiko von Drittgenerations- Kontrazeptiva in unabhängigen Arbeiten höher eingeschätzt als in industriefinanzierten. Auch pharmakoökonomische Untersuchungen tendierten dazu, die Schlussfolgerungen im Sinne einer Firma zu ziehen. Insgesamt wurde das Mass, wie in industriefinanzierten Studien die eigenen Produkte bevorteilt werden, mit einer «Odds Ratio» von 4 gewichtet.

Schlussfolgerungen

In Studien, die von Pharmafirmen unterstützt sind, werden die Produkte der Sponsorfirma systematisch favorisiert, wahrscheinlich vor allem, indem gezielt die Veröffentlichung gesteuert oder das eigene Medikament mit einer nichtgleichwertigen Substanz verglichen wird.

Es besteht kein Zweifel: die Industrie wacht mit schwerer Hand über die Studien, die sie finanziert. Dass dabei verschiedene Mechanismen aktiv werden – z.B. Wahl von Art und Dosis der Vergleichstherapie, selektive Publikation, «sponsorfreundliche» Interpretation der Resultate – ist eigentlich schon lange bekannt. Wenn man aber bedenkt, welch dominierende Rolle Arzneimittelstudien innerhalb der «evidence based medicine» spielen, so müssen uns die hier dargestellten Tatsachen mit grosser Sorge erfüllen. Warum gibt es denn so viel mehr Arzneimittelstudien als Studien aus anderen Bereichen? Die Antwort auf diese Frage liegt auf der Hand: Studien kosten Geld und dieses ist ausserhalb der Industrie oft nur mit grosser Mühe zu beschaffen. Dies hat quasi automatisch zur Folge, dass wir in den Bereichen «Diagnostik» und «nicht-medikamentöse Behandlungen» über weit weniger Evidenz verfügen. Es wäre aber durchaus möglich, zum mindesten die einseitige Überbewertung neuer Medikamente einigermassen in Schranken zu halten. Das Schlüsselwort heisst: Transparenz. Wenn bei der Einführung eines Medikamentes alle, aber wirklich alle verfügbaren Studienresultate öffentlich zugänglich wären, so könnten sich unabhängige Fachleute ein ausgewogenes Bild der Qualitäten eines neuen Präparates machen.

Etzel Gysling

 

Standpunkte und Meinungen

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