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Alte Neuroleptika nicht schlechter verträglich

m -- Leucht S, Wahlbeck K, Hamann J et al. New generation antipsychotics versus low-potency conventional antipsychotics: a systematic review and meta-analysis. Lancet 2003 (10. Mai); 361: 1581-9 [Link]
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infomed screen Jahrgang 7 (2003) , Nummer 8
Datum der Ausgabe: August 2003

Studienziele

Als Hauptvorteil der neuen, so genannt atypischen Neuroleptika wird das geringere Risiko für extrapyramidale Nebenwirkungen angegeben. Meistens wurde in den entsprechenden Studien das hochpotente Haloperidol (Haldol®) als Vergleichssubstanz eingesetzt. Ziel dieser Metaanalyse war es herauszufinden ob die neueren Medikamente auch weniger extrapyramidale Nebenwirkungen verursachen als niedrigpotente ältere Neuroleptika wie Chlorpromazin (Chlorazin®).

Methoden

Mit einer systematischen Suche wurde nach randomisierten Studien gefahndet, in welchen ein atypisches Neuroleptikum mit einem älteren Neuroleptikum von höchstens gleich hoher Potenz wie Chlorpromazin verglichen wurde. Eingeschlossen wurden Studien mit einer mindestens durchschnittlichen Qualität der Randomisation. Primärer Endpunkt war das Auftreten mindestens einer extrapyramidalen Nebenwirkung, sekundärer Endpunkt war die klinische Wirksamkeit.

Ergebnisse

Es wurden 31 Studien mit insgesamt 2'320 Personen in die Metaanalyse eingeschlossen. Von den Studien wurden 15 mit Clozapin (Leponex®), 4 mit Olanzapin (Zyprexa®) und je 1 mit Risperidon (Risperdal®), Quetiapin (Seroquel®) und Amisulprid (Solian®) durchgeführt, als Vergleichssubstanz diente meistens Chlorpromazin. Nur für Clozapin konnte ein signifikanter Unterschied bezüglich extrapyramidaler Nebenwirkungen gezeigt werden, für Olanzapin war der Unterschied grenzwertig signifikant, für die übrigen Substanzen waren die Studien nicht konklusiv. Wenn nur die Studien mit einer Vergleichsdosis von weniger als 600 mg Chlorpormazin oder Äquivalent zusammengenommen wurden, war kein Unterschied bezüglich extrapyramidaler Nebenwirkungen zwischen atypischen und niedrigpotenten Neuroleptika auszumachen, die neueren Substanzen waren aber etwas wirksamer.

Schlussfolgerungen

Optimale Dosen der älteren niedrigpotenten Neuroleptika wie Chlorpromazin verursachen nicht mehr extrapyramidale Nebenwirkungen als die neueren, atypischen Neuroleptika. Die atypischen Neuroleptika sind aber etwas wirksamer.

Eine gut präsentierte Metaanalyse mit schon fast vorhersagbaren Ergebnissen – kaum wesentliche Unterschiede hinsichtlich extrapyramidaler Nebenwirkungen oder Wirksamkeit – und einigen Nachteilen: gerade auch hinsichtlich der Nebenwirkungen sehr eingeschränkte Fragestellung, mehrheitlich ältere und kleinere Studien mit Clozapin als Hauptrepräsentanten. Deshalb ist den Studienverantwortlichen zuzustimmen: « … we do not consider our data to be a firm basis for treatment recommendations …». Auch dies bleibt dann redundant: Die neuen Neuroleptika können – vielleicht abgesehen von Clozapin – keine unbestreitbare oder grundsätzlich innovative Ausnahmestellung beanspruchen; sie stellen lediglich eine – durchaus nicht unerwünschte – Erweiterung des bisherigen Alternativenspektrums dar.

Peter Zingg-Müller

 

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Alte Neuroleptika nicht schlechter verträglich (August 2003)
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