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Demenz und kognitive Reserve

k -- Prince M, Acosta D, Ferri CP et al. Dementia incidence and mortality in middle-income countries, and associations with indicators of cognitive reserve: a 10/66 Dementia Research Group population-based cohort study. Lancet 2012 (7. Juli); 380: 50-8 [Link]
Zusammengefasst von: Renato L. Galeazzi
infomed screen Jahrgang 16 (2012) , Nummer 6
Datum der Ausgabe: Dezember 2012

Eine Theorie zur Entstehung von Demenzen besagt, dass bessere Ausbildung, bessere Lesefähigkeit, berufliche Leistungen und höherer sozio-ökonomischer Status vor Demenz «schützen» können, weil das Gehirn mehr «Reserve» besitze. Diesem Konzept einer kognitiven Reserve widerspricht aber der Befund, dass in Ländern mit niedrigen bis mittleren Einkommen eine niedrigere Inzidenz von Demenz gemessen wird als in Ländern mit hohen Einkommen. Die internationale Forschungsgruppe «10/66 Dementia Research Group» (10/66 DRG) postuliert, dass dieser Unterschied auf die diagnostischen Kriterien in DSM-IV («Diagnostic Statistical Manual of Mental Disorders») zurückzuführen sei, die für die Diagnose einer Demenz in hochentwickelten Länder mit hohen Einkommen geschaffen worden seien. Die von der 10/66 DRG entwickelte Demenzdiagnostik stützt sich auf Anamnese, klinische Untersuchung und kognitive Tests. Sie sei «transkulturell» und könne im Unterschied zum DSM-IV auch in ländlichen und weniger entwickelten Regionen angewendet werden. In dieser Studie wurden über Personen über 65 in städtischen und teilweise ländlichen Gebieten von China, der Dominikanischen Republik, Indien, Kuba, Mexico und Peru im Abstand von 3 bis 5 Jahren untersucht. Dabei wurden die 10/66-Demenzkriterien mit denjenigen des DSM-IV verglichen.

11'718 von 12'887 Teilnehmenden hatten beim ersten Interview keine Anzeichen von Demenz. Von diesen konnten 8'137 (69%) ein zweites Mal untersucht werden. Gemäss 10/66-Kriterien wurden 770 Demenzfälle gefunden, von denen 284 auch die DSM-IV Kriterien erfüllten. Aufgrund der 10/66-Kriterien betrug die Inzidenz in diesen Ländern mit niedrigen bis mittleren Einkommen 20 bis 30 pro 1'000 Personenjahre, was etwa doppelt so hoch war wie bei der Verwendung der DSM-IV-Kriterien und leicht höher als in Ländern mit hohen Einkommen (durchschnittlich 18 pro 1'000 Personenjahre). Venezuela und ländliche Gebiete in China und Mexico wiesen doppelt so hohe Inzidenzen auf. Die Mortalität der Demenzkranken war 1,56- bis 5,69-mal höher, die «Hazard Ratio» betrug im Mittel 2,77 (95% CI 2.47-3.10). Die Inzidenz von Demenz war korreliert mit Alter (exponentiell), weiblichem Geschlecht sowie schlechteren Lese-, Schreib-, und Sprachfähigkeiten.

Die Resultate dieser Studie sind interessant, obwohl man als Nichtfachmann vorsichtig sein muss, da ja die neuen Demenzkriterien der 10/66 DRG etwas anderes messen könnten. Die Studienverantworlichen haben sie aber in verschiedenen anderen Studien angeblich validiert. Stimmen die Resultate, so geben sie etwas Entwarnung bezüglich einer vorhergesagten Epidemie von Demenz wegen Überalterung. Gedankliche Arbeit und Lernen können demnach die kognitive Reserve stärken und die Auswirkungen der morphologischen Veränderungen verlangsamen. Zudem scheint auch eine nicht-intellektuelle Bildung, wie sie eben in Ländern mit niedrigen und mittleren Einkommen möglich ist, diese Reserve zu verbessern. Erfahrung und erlernte und gebrauchte Fertigkeiten sind dabei wohl ebenso wirkungsvoll.

Zusammengefasst von Renato L. Galeazzi

 

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Demenz und kognitive Reserve (Dezember 2012)
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