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Die Zeit heilt Wunden!

r -- Friedli K, King MB, Lloyd M et al. Randomised controlled assessment of non-directive psychotherapy versus routine general-practitioner care. Lancet 1997 (6. Dezember); 350: 1662-5 [Link]
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infomed screen Jahrgang 2 (1998) , Nummer 1
Datum der Ausgabe: Januar 1998

Studienziele

Gut ein Drittel der Allgemeinpraxen in England beauftragen Psychotherapeuten zur Betreuung von Personen mit emotionalen Problemen. Die Kurzpsychotherapie nach Rogers hat in den letzten 2 Dezennien zunehmend an Popularität gewonnen. In der Studie wurde die Kurzpsychotherapie mit der konventionellen Grundversorgerbetreuung verglichen.

Methoden

Die Personen wurden während der Zeit von August 1993 bis Oktober 1995 in 14 Allgemeinpraxen im Nordosten Londons rekrutiert (sozioökonomisch unterschiedliche Gebiete). Die Grundversorger wurden angehalten, alle sich eignenden Personen zu erfassen. Von insgesamt 171 Erfassten konnten 136 in die Studie aufgenommen und randomisiert der Interventionsgruppe (Kurzpsychotherapie, n=70) bzw. der Kontrollgruppe (Routinebetreuung durch Grundversorger, n=66) zugeteilt werden. Die an der Interventionsgruppe Beteiligten wurden durch vier ausgewiesene Therapeuten in wöchentlichen Sitzungen von 50 Minuten Dauer während 6 bis 12 Wochen betreut. Sie hatten auch weiterhin Zugang zu ihrem Grundversorger. Die Betreuung der Teilnehmer der Kontrollgruppe wurde gänzlich von der Hausärztin oder vom Hausarzt übernommen. Vor der Behandlung sowie 3 und 9 Monate nach Beginn derselben wurden die Ergebnisse mit Hilfe standardisierter Fragebogen evaluiert. Unabhängig davon ermittelte man die Zufriedenheit der Betroffenen mit der angebotenen Hilfe.

Ergebnisse

Hauptsächlichste Gründe für Konsultationen waren Depressionen (52%) und Angstzustände (22%). Alle durch die Fragebogen ermittelten Werte verbesserten sich in beiden Gruppen, ohne signifikanten Unterschied, nach 3 und 9 Monaten. Obwohl keine weiteren Interventionen erfolgten, waren die Resultate allgemein nach 9 Monaten wesentlich besser als nach 3 Monaten. Diejenigen, welche eine eigentliche Psychotherapie erhielten, waren zufriedener, weniger besorgt, fühlten sich besser verstanden und weniger kritisiert.

Schlussfolgerungen

Hausärzte erreichen innerhalb von 3 bis 9 Monaten bei Personen mit emotionalen Problemen kein schlechteres Resultat als Fachleute mit einer Kurzpsychotherapie.

Eine gut konzipierte und durchgeführte Studie, welche (auch) zum Thema der nach wie vor aktuellen Psychotherapie-Evaluation einen Beitrag leistet. Bezüglich ihrer Generalisierbarkeit ergeben sich notwendigerweise Einschränkungen:

- Patienten mit «emotional difficulties», d.h. mit explizitem Verzicht auf eine psychiatrische Diagnose im engeren Sinn und diesbezüglich anzunehmendem leichterem bis mässigerem Störungsgrad.

- Psychotherapeuten, die sich (u.a. studienbedingt) strikte an ein einzelnes, nicht-direktives Kurzpsychotherapiekonzept halten. Letzteres wird sich insofern relativieren, als die Wirksamkeit von Psychotherapien ganz wesentlich durch unspezifische Faktoren bestimmt wird.

Sicher verdient aber das Ergebnis des Nicht-Unterschiedes eine klare positive Konnotation, nämlich: Die psychotherapeutische Wirksamkeit des «offenen Ohres» von – auch in psychosozialer Hinsicht – engagierten Allgemeinpraktikern. Dies bestätigt nebenbei Michael Balint (1896-1970), insbesondere da auch das Resultat aus seiner Wahlheimat Grossbritannien stammt.

Peter Zingg-Müller

 

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