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Soziale Phobie: Paroxetin als Option

r -- Stein MB, Liebowitz MR, Lydiard RB et al. Paroxetine treatment of generalized social phobia (social anxiety disorder): a randomized controlled trial. JAMA 1998 (26. August); 280: 708-13 [Link]
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infomed screen Jahrgang 2 (1998) , Nummer 9
Datum der Ausgabe: Oktober 1998

Studienziele
Rund 5% der Bevölkerung leiden an «sozialer Phobie» mit massiven Ängsten in Alltagssituationen, die ihr Verhalten gegenüber Mitmenschen und in der Öffentlichkeit stark beeinträchtigen. Leichtere Formen zeigen sich beim öffentlichen Sprechen, während Menschen mit generalisierter sozialer Phobie eine grosse Palette von Situationen ängstlich vermeiden, die für die meisten Leute unproblematisch sind. In dieser Doppelblindstudie ging es darum, die Wirksamkeit von Paroxetin (Deroxat®) bei sozialer Phobie zu belegen.

Methoden
187 Personen in 13 Zentren in den USA und Kanada, die die Kriterien einer generalisierten sozialen Phobie gemäss «Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders» (DSM IV) erfüllten, wurden in die 12wöchige Studie aufgenommen. Nach einer einwöchigen Placebotherapie wurde randomisiert Placebo (n=93) oder Paroxetin (n=94, 20 mg pro Tag) verabreicht. Jeweils nach 2 Wochen konnte die Dosis bei fehlender Wirksamkeit bis zu 50 mg Paroxetin pro Tag gesteigert werden. Nach zwei verschiedenen Skalen wurde untersucht, wieviele Personen eine starke bis sehr starke Verbesserung ihres psychischen Zustandes erreichten.

Ergebnisse
Gemäss der einen Skala – «Clinical Global Impression» – zeigten 55% der Paroxetin-Gruppe und 24% der Placebo- Gruppe eine starke bis sehr starke Besserung ihres Zustandes, ein signifikanter Unterschied. Nach der anderen Skala – «Liebowitz Social Anxiety Scale» – konnte in der Paroxetin- Gruppe eine Abnahme der Angstsymptome um 39%, in der Placebo-Gruppe um 17% erzielt werden. Die durchschnittliche Paroxetin-Tagesdosis betrug 37 mg.

Schlussfolgerungen
Paroxetin, ein Serotonin-Wiederaufnahme-Hemmer, war in dieser Studie bei sozialer Phobie gut wirksam. Nebenwirkungen, die zum Absetzen des Medikaments führten, traten bei 15% auf. Die Autoren weisen in ihrem Kommentar darauf hin, dass eine so kurze Studie (12 Wochen) zu wenig aussagt über Langzeiteffekte. Eine genaue Abgrenzung zwischen antidepressivem Effekt und anderen Wirkungen des Medikaments ist nicht möglich.

Eine Marktlücke für Paroxetin? (Immerhin wird die Studie von der Herstellerfirma finanziell unterstützt.) Die Untersuchung bestätigt die schon seit einigen Jahren vermutete Kurzzeitwirksamkeit der SSRI, lässt aber einige Fragen weiterhin offen: differentielle Wirksamkeit, hauptsächlich antidepressiver Effekt, optimale Dosierung, Weiter- bzw. Langzeitbehandlung, Kombination. So dürfte Isaac Marks (1994) gesetzt bleiben: «Most patients can be successfully treated behaviorally without medication, but some need both behavioral and drug therapy combined.» Also: Paroxetin ist als ein Vertreter der SSRI eine mögliche, keineswegs aber eine zwingende Behandlung der sozialen Phobie.

Peter Zingg-Müller

 

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Soziale Phobie: Paroxetin als Option (Oktober 1998)
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