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Herzinfarkt: Tod vor Spitalankunft

a -- Norris RM et al. Fatality outside hospital from acute coronary events in three British Health Districts, 1994-5. BMJ 1998 (4. April); 316: 1065-70 [Link]
Kommentiert von: Markus Häusermann
infomed screen Jahrgang 2 (1998) , Nummer 5
Datum der Ausgabe: Mai 1998

Studienziele
Ein grosser Teil der Todesfälle bei akuter koronarer Herzkrankheit ereignet sich ausserhalb des Spitals. Die vorliegende britische Studie liefert aktuelle Daten über die Häufigkeit dieser Todesfälle und über den Erfolg der an Ort und Stelle durchgeführten Reanimationsversuche.

Methoden
In drei Regionen Grossbritanniens mit insgesamt 954'000 Einwohnern wurden von 1994 bis 1995 alle Todesfälle von unter 75jährigen Personen erfasst, bei denen eines der folgenden Kriterien erfüllt war: plötzlicher koronarer Herztod ausserhalb eines Spitals, Tod nach Hospitalisation wegen eines akuten Herzinfarkts innerhalb von 30 Tagen, akuter koronarer Herztod bei aus anderen Gründen Hospitalisierten. Bei den ausserhalb des Spitals Verstorbenen wurden Todesumstände und allenfalls durchgeführte Reanimationsbemühungen ausgewertet. Todesfälle wegen Herzinsuffizienz wurden nicht eingerechnet.

Ergebnisse
Von 3523 Erkrankten starben insgesamt 1589 (45%). Erwartungsgemäss stieg die Todesfallrate mit zunehmendem Alter an. Ausserhalb des Spitals ereigneten sich 1172 (74%) der 1589 Todesfälle; bei den 65- bis 74jährigen Verstorbenen betrug dieser Anteil 70%, bei den unter 55jährigen sogar 91%. Reanimationsbemühungen an Ort und Stelle waren in 111 von 650 Fällen erfolgreich, doch überlebten nur 55 dieser Personen die ersten 30 Tage. 26 der Überlebenden gehörten dabei zu jenen 65 Personen, deren Herzstillstand von einer geschulten, mit Defibrillator ausgerüsteten Rettungsequipe behandelt wurde.

Schlussfolgerungen
Fast alles Potential zur Verminderung der koronaren Todesfälle liegt ausserhalb des Spitals. Reanimation ausserhalb der Spitäler ist noch heute selten erfolgreich und hat im untersuchten Kollektiv die koronare Mortalität von theoretisch 47% nur auf 45% gesenkt. Zur Verbesserung dieser Erfolgsrate könnte durch öffentliche Informationskampagnen und organisatorische Verbesserungen die Zeit bis zur Alarmierung und bis zum Eintreffen der professionellen Rettungsdienste verkürzt werden. Noch viel mehr Todesfälle könnten aber durch eine bessere primäre und sekundäre Prävention vermieden werden.

Angesichts der grossen Fortschritte bei der Therapie des akuten Herzinfarktes vergessen wir oft, dass sich die Mehrzahl der koronaren Todesfälle schon vor der Ankunft im Spital ereignen. Durch Reanimation liess sich hier nur jeder dreissigste Todesfall vermeiden. Wichtig wären Massnahmen, um die kritische Zeit zwischen den ersten Anzeichen und dem Spitaleintritt zu verkürzen: Mindestens rund 40% der Opfer spürten vor dem Tod Symptome, so dass bei rechtzeitiger professioneller Hilfe viele von ihnen noch leben würden. Trotz allen Anstrengungen wird die Prognose der akuten koronaren Herzkrankheit düster bleiben. Zu Recht sehen die Autoren das grösste Potential zur Vermeidung koronarer Todesfälle in der Primärprävention und in der Sekundärprophylaxe nach Myokardinfarkt.

Markus Häusermann

 

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Herzinfarkt: Tod vor Spitalankunft (Mai 1998)
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