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Östrogene: Schutz vor Demenz nicht nachgewiesen

m -- Yaffe K, Sawaya G, Lieberburg I et al. Estrogen therapy in postmenopausal women: effects on cognitive function and dementia. JAMA 1998 (4. März) 279: 688-95 [Link]
Zusammengefasst von: Sabin Allemann
Kommentiert von: Oswald R. Köchli
infomed screen Jahrgang 2 (1998) , Nummer 4
Datum der Ausgabe: April 1998

Studienziele
Resultate einiger Studien liessen vermuten, dass postmenopausal eingesetzte Östrogene Wirkungen auf die Physiologie der Gehirnzellen haben können. Bisher konnte aber nicht geklärt werden, ob unter postmenopausalem Hormonersatz kognitive Funktionen besser erhalten bleiben, einer Demenzentwicklung vorgebeugt wird oder eine bestehende Demenz reduziert werden kann.

Methoden
Alle zwischen 1966 und 1997 veröffentlichten Studien über die Zusammenhänge zwischen Östrogenen und kognitiven Funktionen in der Postmenopause wurden in Medline gesichtet. Berücksichtigt wurden 13 Arbeiten über den Einfluss einer Östrogentherapie auf die kognitiven Leistungen, 10 Arbeiten mit der Beurteilung von Östrogen auf das Risiko, einen Verlust intellektueller Fähigkeiten zu erleiden und eine Demenzform zu entwickeln, und schliesslich 4 Arbeiten über die Behandlung von Alzheimer-Krankheit mit Östrogenen. Einschlusskriterien und Auswertungsmethoden wurden innerhalb jeder der drei Studiengruppen analysiert und deren Ergebnisse quantitativ zusammengestellt. Eine formelle Metaanalyse konnte nur für die 10 Studien zum Risiko, eine Demenz zu entwickeln, durchgeführt werden.

Ergebnisse
Erstens zeigen alle diese Studien wesentliche methodologische Lücken. Zweitens widersprechen die Ergebnisse einander und reichen von einem Ausschluss bis zu einer Bestätigung eines Schutzeffekts von Östrogenen. Frauen mit Menopausensymptomen erleben eher eine Verbesserung der kognitiven Funktionen; bei asymptomatischen Frauen fehlt eine Wirkung auf die kognitiven Funktionen. Die zehn Studien, welche den Östrogeneinfluss auf die Entwicklung einer Demenz untersuchten, haben sehr heterogene Resultate erbracht. Die Studien, in denen Frauen mit Alzheimer-Krankheit mit Östrogenen behandelt wurden, sind von ungenügender Qualität (nicht-randomisiert, kurz).

Schlussfolgerungen
Angesichts des umstrittenen aktuellen Wissensstandes und der mit einer Östrogentherapie verbundenen unerwünschten Wirkungen können Östrogene weder als Prophylaxe gegen Alzheimer-Krankheit oder andere Demenzformen noch zu deren Behandlung empfohlen werden.

Diese Arbeit ist mit den grundsätzlichen Problemen von Meta-Analysen behaftet. Insbesondere die Heterogenität von Fall- und Kohort-Studien ist erwähnenswert. Die Frage bleibt, ob die Datenlage genügt, um allen postmenopausalen Frauen einen Hormonersatz vorzuschlagen. Man könnte zum Schluss kommen, dass mit einer Östrogentherapie die Demenzentwicklung um 29% reduziert werden kann. Leider sind die vorhandenen Studien oft nicht kontrolliert und randomisiert und deshalb mit einem erheblichen Selektionsbias verbunden. Grosse placebokontrollierte randomisierte Studien sind nötig, um diese Frage definitiv zu klären. Bis dahin bin ich mit den Autoren einig, dass nicht bei allen postmenopausalen Frauen zur Verhinderung einer Alzheimer- oder anderen Demenz eine Östrogenersatztherapie eingeleitet werden sollte. Es gibt aber aus gynäkologischer Sicht noch viele andere Gründe, bei einer Frau eine Hormonersatztherapie einzuleiten. Bei der Gesamtbeurteilung sollte allerdings der Effekt des häufig eingesetzten Progesterons nicht vernachlässigt werden. Dieser ist zur Zeit bezüglich Demenz noch zu wenig untersucht.

Ossi R. Köchli

 

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