Depression im Spital aktiv suchen?

  • r -- Cole MG, McCusker J, Elie M et al. Systematic detection and multidisciplinary care of depression in older medical inpatients: a randomized trial. CMAJ 2006 (3. Januar); 174: 38-44 [Link]
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  • infomed screen Jahrgang 10 (2006) , Nummer 4
    Datum der Ausgabe: April 2006

Studienziele
Eine Depression («major depression») bei hospitalisierten Personen geht mit einer grösseren Beanspruchung von Pflegehilfe und einer erhöhten Mortalität einher, bleibt aber häufig undiagnostiziert. Mit dieser Studie wurde untersucht, ob eine systematische Suche nach Depressionen und eine intensivere Beschäftigung mit der psychischen Störung die Symptome reduzieren sowie die psychische und physische Gesundheit verbessern hilft.

Methoden
Alle Personen im Alter von über 65 Jahren, die in ein kanadisches Spital eingetreten waren, wurden bezüglich depressiven Störungen untersucht. Von den 1'500 Befragten erfüllten 225 die Kriterien für eine «major depression». 159 konnten randomisiert werden. 79 erhielten die «übliche Pflege»», 78 wurden intensiver betreut, erhielten im Spital psychiatrische Betreuung und Antidepressiva und später zusätzliche Aufmerksamkeit durch Hausärztin/Hausarzt sowie durch spezielle Studien- Pflegepersonen. Ergebnisse Bei Studienbeginn waren die beiden Gruppen vergleichbar. Lediglich 64 Personen (40%) konnten wie beabsichtigt über 6 Monate nachkontrolliert werden. In der Interventionsgruppe waren Kontakte mit Psychiaterin oder Psychiater, Studien- Pflegepersonen und nach Spitalaustritt mit Hausärztin/Hausarzt häufiger als in der Kontrollgruppe. In der Interventionsgruppe nahmen nach Spitalaustritt auch mehr Personen Antidepressiva ein (58% gegenüber 36%). Es liessen sich aber keine signifikanten Unterschiede bezüglich Verbesserung der Depression (Hamilton- Skala) oder anderen untersuchten Kriterien nachweisen.

Schlussfolgerungen
In dieser Studie zeigten sich keine Vorteile einer Suche nach Depressionen und einer intensiveren Behandlung gegenüber der üblichen Spitalbehandlung und hausärztlichen Nachsorge.

Zusammengefasst von Felix Tapernoux

Die Ergebnisse dieser gut dokumentierten Studie sollten nur mit vorsichtiger Zurückhaltung verallgemeinert werden: Neben methodischen Fragen (Ein-/Aus schlusskriterien, letztlich bescheidene Gruppengrössen) bleibt unklar, worin die intensivierte Betreuung denn nun wirklich besteht; vor allem, wenn wirksame Verfahren wie die kognitive Therapie explizit ausgeschlossen werden und auch Unterschiede in der (nicht genauer nachvollziehbaren) Medikation kaum sonderlich relevant ausfallen. Dadurch ist die Studie ein sicher wertvoller Beitrag zum Qualitätsmanagement der untersuchten Institution, mehr aber wahrscheinlich nicht. «These results are disappointing, but they should not discourage ...» In der Tat darf das Erkennen und das Behandeln von Depressionen gerade auch bei älteren Kranken im Allgemeinspital ohne Zweifel weiterhin ein wichtiges konsiliarpsychiatrisches Anliegen bleiben.

Peter Zingg-Müller

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infomed-screen 10 -- No. 4
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Depression im Spital aktiv suchen? (April 2006)