Hausarzt, ein unattraktives Karriereziel?

  • k -- Buddeberg-Fischer B, Klaghofer R, Stamm M et al. Primary care in Switzerland — no longer attractive for young physicians? Swiss Med Wkly 2006 (8. Juli); 136: 416-24 [Link]
  • Zusammengefasst von: Peter Ritzmann
  • Kommentiert von: Michael M. Kochen
  • infomed screen Jahrgang 10 (2006) , Nummer 11
    Datum der Ausgabe: November 2006

Studienziele
In vielen westlichen Ländern verliert der Hausarztberuf an Attraktivität. Die Gründe sind vielfältig: schlechtere strukturelle Arbeitsbedingungen mit ständiger Zunahme der Administration und Regulation, Abnahme des Einkommens und des gesellschaftlichen Prestiges sowie moderne Lebensgewohnheiten. Für diese Studie befragte man Ärztinnen und Ärzte während ihrer Weiterbildungszeit wiederholt nach ihren Plänen für ihre weitere medizinische Laufbahn.

Methoden
Die Untersuchung ist Teil einer seit 2001 laufenden prospektiven Kohortenstudie von jungen Ärztinnen und Ärzten, die an den medizinischen Fakultäten Basel, Bern und Zürich abgeschlossen haben. Assistenzärztinnen und -ärzte wurden jeweils nach dem ersten und dem dritten Assistenzjahr nach ihren Zielen betreffend zukünftiger Spezialisierung und weiterer medizinischer Laufbahn befragt, 515 antworteten auf die Befragung nach dem 3. Assistenzjahr

Ergebnisse
Nach dem 3. Assistenzjahr gaben 434 Befragte an, die Entscheidung für eine Spezialisierung getroffen zu haben. Von diesen gaben nur 42 (10%) als Ziel Hausärztin oder Hausarzt an. Lediglich 12 von ihnen hatten dieses Ziel vom Staatsexamen bis ins 3. Assistenzjahr konstant angegeben, die übrigen hatten es erst während der Assistenzzeit ins Auge gefasst. 19 von denen, die nach dem Staatsexamen Hausarztmedizin als Ziel angegeben hatten, änderten während der Assistenzzeit ihre Meinung und gaben eine andere Spezialisierung als Ziel an. Die zukünftigen Hausärztinnen und Hausärzte erschienen weniger karriereorientiert und räumten ihrem ausserberuflichen Leben höhere Priorität ein als die übrigen Befragten. Frauen und Männer mit dem Ziel Hausarztmedizin unterschieden sich dagegen in diesen Belangen wenig.

Schlussfolgerungen
Hausarztmedizin scheint für junge Ärztinnen und Ärzte wenig attraktiv zu sein. Die Zahl derjenigen mit diesem Berufsziel ist viel zu klein, um den Bedarf in Zukunft befriedigen zu können. Neben den Bemühungen, Hausarztmedizin während des Studiums mehr präsent zu machen, sollten auch während der Weiterbildungszeit Programme geschaffen werden, welche die Hausarztmedizin fördern.

Zusammengefasst von Peter Ritzmann

Dass der Wunsch, hausärztlich tätig zu werden, schon im Studium nicht besonders ausgeprägt ist, ist wahrscheinlich jedem geläufig, der in den allgemeinmedizinischen Unterricht eingebunden ist – in der deutschsprachigen Schweiz ebenso wie in Deutschland oder Österreich. Die weitere Abnahme dieses Wunsches vom Ende des Studiums bis zum dritten Weiterbildungsjahr kann die schlechte Stimmung des Betrachters dann auch nicht mehr wesentlich drücken. Meine persönlichen Erfahrungen lassen mich vermuten, dass hier ein komplexes Bedingungsgeflecht wirksam ist, in dem die beschriebenen Persönlichkeitsmerkmale oder die verminderte Karriereorientierung der späteren Hausärzte nur eine beschränkte Rolle spielen dürften. Um diesen «gordischen Knoten» zu entflechten, müsste man an vielen Stellen ansetzen. Die im vollständigen Kommentar im Internet aufgelisteten, zum guten Teil wissenschaftlich belegten Forderungen fallen allerdings nicht alleine in den Aufgabenbereich der Fakultäten. Ziele sollten sein: die Stellung der Allgemeinmedizin an den Hochschulen zu stärken; mehr Studierende für das inhaltlich spannende und finanziell hoffentlich attraktive Fach zu gewinnen; den Mangel an Hausärzten besonders auf dem Lande abzubauen; die Kooperation der Ärzteschaft untereinander zu fördern; und die Bevölkerung, die schon längst mit den Füssen für ihre Hausärzte abgestimmt hat, weiterhin mit hoher Qualität und zu angemessenen Kosten vor Ort versorgen zu können. Die Realisierung von Vernunft sollte keine Aufgabe der fernen Zukunft, sondern vielmehr das Gebot der Stunde sein – für alle Beteiligten.

Michael M. Kochen

Standpunkte und Meinungen
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Hausarzt, ein unattraktives Karriereziel? (November 2006)