-->

Wadenkrämpfe: Behandlung und Prävention

Übersicht

Wadenkrämpfe stellen ein weit verbreitetes Symptom dar, das gemäss der bei 37% der Bevölkerung beobachtet werden kann. Während nur rund 7% der Kinder gelegentlich über Wadenkrämpfe klagen, sind es weit über die Hälfte der älteren Personen.(1,2,3) Am häufigsten treten Wadenkrämpfe in der Nacht auf.

Pathogenese

Zu unterscheiden sind idiopathische Muskelkrämpfe von sekundären Formen bei einer Vielzahl von möglichen Grunderkrankungen. Zu den letzteren zählen unter anderem zentralmotorische Störungen (z.B. Stiff-man-Syndrom), periphere neurogene Syndrome (z.B. amyotrophe Lateralsklerose), Myopathien und metabolische Veränderungen. Bei diesen Erkrankungen stehen – sofern möglich – ursächliche Behandlungsformen im Vordergrund.

Die tatsächlichen Ursachen für idiopathische Muskelkrämpfe sind weitgehend unbekannt. Vermutet wird eine periphere neurogene Übererregbarkeit, welche durch die verschiedensten Erkrankungen, Zustände und Therapieformen begünstigt zu werden scheint, insbesondere wenn es dabei zu Verschiebungen im Wasser- und Elektrolythaushalt kommt. Medikamente können eine Rolle spielen, werden in ihrer Bedeutung jedoch eher überbewertet. Bei einer Untersuchung an 365 älteren Personen konnte lediglich eine Assoziation mit Analgetikagebrauch nachgewiesen werden, nicht jedoch mit anderen Medikamenten wie z.B. den häufig angeschuldigten Diuretika.(3)

Leberzirrhose, Hämodialysebehandlung und Schwangerschaft scheinen zusätzlich zu prädisponieren, ebenfalls im Zusammenhang mit Verschiebungen im Elektrolyt- und Volumenhaushalt. Gemäss einer norwegischen Untersuchung bei schwangeren Frauen gaben nach der 25. Schwangerschaftswoche 45% der Frauen rezidivierend auftretende nächtliche Wadenkrämpfe an.(4)

Nicht-medikamentöse Massnahmen

Zur Vorbeugung von nächtlichen Wadenkrämpfen wird empfohlen, eine Spitzfussstellung zu vermeiden. Beim Schlafen auf dem Rücken können hierzu die Fusssohlen gegen ein Widerlager (z.B. einen harten Bettfuss) gestellt werden, beim Schlafen auf dem Bauch kann man die Füsse über das Matratzenende ragen lassen.(5) Akute Krämpfe der Wadenmuskulatur können durch aktive Dorsalbeugung des Fusses beendet werden.

Zur aktiven Prävention von Wadenkrämpfen werden regelmässige Stretching-Übungen für die Wadenmuskulatur sowie genügende Muskeltätigkeit (z.B. Schwimmen oder Radfahren) empfohlen. (6) Ausserdem soll darauf geachtet werden, genügend Flüssigkeit aufzunehmen und geeignete Schuhe zu tragen. Kontrollierte Studien zu den nicht-medikamentösen Therapien sind kaum vorhanden.

Medikamentöse Therapie

Kontrollierte Untersuchungen zur medikamentösen Behandlung von idiopathischen Muskelkrämpfen finden sich insbesondere zu Chinin (siehe unten). Andere Wirkstoffe sind weit weniger gut dokumentiert.

Magnesium

Heute werden Wadenkrämpfe oft mit Magnesium behandelt. Kontrollierte Daten zu dieser Anwendung sind jedoch nur spärlich vorhanden.

Drei kleine Doppelblindstudien liegen vor. In einer Untersuchung bei schwangeren Frauen führte eine Mischung aus Magnesiumlactat und Magnesiumcitrat, 5 mmol am Morgen und 10 mmmol am Abend, zu einer im Vergleich mit Placebo signifikanten Abnahme von Wadenkrämpfen. In der aktiv behandelten Gruppe waren nach 3 Wochen 11 von 34 Frauen beschwerdefrei, in der Placebogruppe lediglich 2 von 35 Frauen.(7)

Die anderen Studien wurden nicht während der Schwangerschaft durchgeführt und ergaben keinen signifikanten Unterschied zwischen Magnesium und Placebo: In einer Crossoverstudie erhielten 46 Personen mit Wadenkrämpfen während je 6 Wochen Magnesiumcitrat (entsprechend 300 mg Magnesium täglich) bzw. Placebo. Obwohl Magnesium von viel mehr Personen subjektiv als wirksam eingestuft wurde, war dabei die Frequenz der Wadenkrämpfe nur tendenziell geringer (p=0,07).(8) Eine weitere Studie, die ebenfalls im Crossover- Verfahren durchgeführt wurde und in der zweimal täglich 900 mg Magnesiumcitrat eingesetzt wurden, ergab bei 42 Personen keinen Unterschied bezüglich Häufigkeit, Dauer oder Intensität nächtlicher Wadenkrämpfe.(9)

Magnesium ist im allgemein gut verträglich, kann jedoch vereinzelt Durchfall verursachen.

Chinin

Obwohl zu Chinin weit mehr Studienresultate vorliegen, wird der Stellenwert dieses Wirkstoffs bei Wadenkrämpfen sehr unterschiedlich – und vorwiegend negativ – eingeschätzt.

Gemäss einer Metaanalyse, die 8 bis im Juli 1997 vorliegende (teils unpublizierte) Doppelblindstudien berücksichtigte, vermag Chinin in einer Dosis von 200 bis 325 mg/Tag sowohl die Frequenz als auch die Intensität nächtlicher Wadenkrämpfe zu reduzieren.(10) Eine Person, die pro Woche vier Wadenkrämpfe hat, sollte dank Chinin nur noch etwa dreimal wöchentlich einen Wadenkrampf erleiden. Die Metaanalyse zeigt auch, dass in erster Linie Studien publiziert wurden, die eine bessere Wirksamkeit von Chinin zeigten, während der Effekt in unpublizierten Studien deutlich geringer war.

Problematisch sind aber die unerwünschten Wirkungen, die auch unter den genannten, relativ geringen Dosen auftreten können: Schwindel, Fieber, Brechreiz/Erbrechen, Durchfall, Seh- und Gehörstörungen. Eine durch eine Chinin-Allergie hervorgerufene Thrombozytopenie kann tödlich verlaufen. Andere seltene Komplikationen sind eine intravasale Hämolyse mit akutem Nierenversagen, eine Verbrauchskoagulopathie, lebensbedrohliche Herzrhythmusstörungen (Torsades de pointes) und Leberfunktionsstörungen.(5)

Die amerikanische Arzneimittelbehörde (FDA) rät deshalb schon seit 1995 von der Verwendung von Chinin bei Wadenkrämpfen ab.(11) In der Schweiz ist Chininsulfat Hänseler (zur Behandlung der Malaria) noch erhältlich; früher verkaufte Präparate wie z.B. die Chinin-Aminophyllin-Kombination Limptar® sind vom Schweizer Markt verschwunden.

Andere Medikamente

Eine Reihe weiterer Medikamente ist in vorwiegend kleinen Studien geprüft worden.

Bei Personen unter einer kontinuierlichen Hämodialysebehandlung erwiesen sich die Vitamine C und E, sowohl einzeln als auch in Kombination, über einen Behandlungszeitraum von 8 Wochen als wirksam in der Prävention von Muskelkrämpfen.(12) Bestätigende Untersuchungen fehlen, eine Übertragung auf andere Personengruppen ist nicht möglich.

In einer anderen Studie war Vitamin E allein dagegen nicht wirksamer als Placebo.(13)

Auch für Calcium-Präparate, Vitamin-B-Komplex, Muskelrelaxantien, Verapamil (Isoptin® u.a.) und weitere Substanzen sind nicht genügend Daten vorhanden, als dass sie zur Behandlung von Wadenkrämpfen empfohlen werden könnten.

Beurteilung

Medikamente zur Behandlung von Wadenkrämpfen sind entweder ungenügend dokumentiert (Magnesium) oder weisen ein ungünstiges Nutzen-Risiko-Verhältnis auf (Chinin). Deshalb sollen primär nicht-medikamentöse Massnahmen – Vermeidung einer Spitzfussstellung, Stretching der Wadenmuskulatur – berücksichtigt werden. Eine solche Behandlung kann sich zwar nicht auf kontrollierte Studien stützen, stellt jedoch eine harmlose Option für ein harmloses Problem dar.

Wenn doch ein Medikament gegeben werden soll, so ist in Anbetracht des günstigen Nebenwirkungsprofils vorrangig ein Behandlungsversuch mit Magnesium gerechtfertigt. Aussagen zur geeigneten Dosierung sind allerdings mangels entsprechend angelegter Untersuchungen nicht möglich.

Standpunkte und Meinungen

  • Es gibt zu diesem Artikel keine Leserkommentare.
Wadenkrämpfe: Behandlung und Prävention (23. Juli 2002)
Copyright © 2021 Infomed-Verlags-AG
pharma-kritik, 24/No. 2
PK50

Wadenkrämpfe: Behandlung und Prävention