Pharma-Kritik

Medikamentenpreise: Fairness gefragt

Etzel Gysling
pharma-kritik Jahrgang 22, Nummer 17, PK330
Redaktionsschluss: 28. April 2001
DOI: https://doi.org/10.37667/pk.2000.330
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ceterum censeo

Als ich letzthin im Kollegenkreis berichtete, die jährlichen Kosten für Marketing und Vertrieb von Valsartan (Diovan®) lägen in der Grössenordnung von einer Milliarde Franken, erntete ich nur ein müdes Lächeln: entweder hätte ich eine Fehlinformation aufgelesen oder ich verstünde nichts von Zehnerpotenzen. Die Information stammt jedoch aus einer verlässlichen Quelle - dem NZZ Folio - und entspricht einer Aussage von Thomas Ebeling, des Chief Executive Officers des Pharmasektors bei Novartis.(1) Präzisierend findet sich noch die Angabe, im Betrag von 1 Milliarde seien auch die Kosten der sogenannten Beobachtungsstudien enthalten. Beobachtungsstudien sind bekanntlich die unkontrollierten "Studien", die nach der Einführung eines Medikamentes oft in Kliniken und Praxen durchgeführt werden und die zweifellos unter der Rubrik Marketing richtig eingeordnet sind. Man erfährt auch, dass Diovan® für die Firma ein Massenprodukt darstellt, das einen besonders hohen Einsatz von Marketing- und Vertriebskosten erfordert. Mit anderen Worten: die entsprechenden Kosten liegen deutlich über den 30 bis 35% des Pharmaumsatzes, die nach der konservativen Schätzung Ebelings durchschnittlich für Marketing und Vertrieb eingesetzt werden. Für naive Menschen wie mich ist lediglich störend, dass dagegen nur 15 oder bestenfalls 20% des Umsatzes der Sparte "Forschung und Entwicklung" zufliessen. Dabei höre ich immer wieder das Gejammer, wie unwahrscheinlich teuer die Entwicklung eines neuen Arzneimittels sei!

Was Ebeling nicht sagt, was sich jedoch in den entsprechenden Novartis-Informationen im Internet findet, sind weitere Angaben zu Diovan®: es handelt sich dabei um das antihypertensive Flagship der Firma, dessen Umsatz (mit Co-Diovan® zusammen, in lokalen Währungen) im Jahr 2000 um 55% auf über 1,2 Milliarden Franken zugenommen hat.(2)
Die Marketingbemühungen sind nicht vergeblich: "it is now the fastest growing of the top ten branded antihypertensives" - in den USA steht auf rund einem Drittel der Rezepte für einen neu verschriebenen Angiotensin-Rezeptorantagonisten der Name Diovan®.

Es ist aber nicht meine Absicht, anhand des Diovan®-Beispiels über die Novartis herzufahren. Im Gegenteil: ich halte es für sehr gut, dass Ebeling Klartext redet und auch Zahlen nennt. Das Beispiel dient nur dazu, sichtbar zu machen, wie es in dieser Industrie zugeht. Selbstverständlich gilt für die ganze Branche, dass 35% des Umsatzes oder mehr für Marketing und Vertrieb verwendet werden. Immer wieder höre ich das Argument, wie ungünstig sich das Verschreiben von Generika für die forschende Industrie auswirke. Und nicht wenige Kolleginnen und Kollegen haben sich kürzlich mit abschätzigen Bemerkungen zu Generika vor den Karren der Industrie spannen lassen. Sie sollten sich mindestens bewusst sein, dass es bei den Industrieinteressen schwergewichtig nicht um Forschung geht, sondern um Geld, Geld für die Aktionärinnen und Aktionäre.

Offensichtlich denken die meisten Leute, es gebe keinen Grund, weshalb sich die pharmazeutische Industrie anders als alle anderen Industrien, nämlich ausschliesslich gewinnorientiert, verhalten sollte. Seit vielen Jahren steigen die Umsätze der Pharmaindustrie um 5 bis 10% pro Jahr. In der Schweiz wurden im Jahr 2000 rund 5 Milliarden Franken für Medikamente ausgegeben; diese Summe ist doppelt so gross wie vor 15 Jahren. Berechnet man den internationalen Gesamtumsatz der Pharmaindustrie auf Grund der Herstellerabgabepreise, so kommt man für das gleiche Jahr auf etwa 500 Milliarden Franken. Wer sich für weitere Einzelheiten zum Pharmamarkt interessiert, findet z.B. auf der Website von IMS Health relativ detaillierte Angaben zu den 13 wichtigsten Ländern.(3)

Der unaufhaltsam steigende Umsatz beruht zwar gewiss teilweise auf der Tatsache, dass neue, nützliche Arzneimittel entwickelt werden. Auch die stete Erweiterung des Marktes infolge der zunehmenden Überalterung wirkt sich profitsteigernd aus. Die Umsatzzunahme ist jedoch in hohem Masse auch dem geschickten Marketing zu verdanken. So gelingt es immer wieder, marginale Vorteile neuer Präparate so in den Vordergund zu rücken, dass bewährte ältere Substanzen durch neue, teurere ersetzt werden. Es ist als ob erstklassige Medikamente nach Ablauf der Patentfrist plötzlich auch therapeutisch minderwertig würden. Die kranken Menschen sind ein zuverlässiger Wachstumsmarkt: wen kümmert es, ob sie ihre Arzneimittel bezahlen können?

Ich bin wohl ziemlich altmodisch, wenn ich denke, dass diese Branche nicht nur ihren kommerziellen Erfolg sichern, sondern auch Verpflichtungen ethischer Natur eingehen sollte. Es gibt kaum andere Industrieprodukte, die ähnlich wie Medikamente eine lebenswichtige Funktion haben. Kranke Menschen haben meistens nicht die Wahl - wenn sie gesund werden wollen, müssen sie sich behandeln lassen. Deshalb sollte die Pharmaindustrie Arzneimittel zu einem fairen Preis verkaufen. Ein fairer Preis, das würde wohl in erster Linie bedeuten: ein Preis, der es Kranken auf der ganzen Welt ermöglicht, behandelt zu werden.

Die AIDS-Katastrophe in Afrika führt uns allen vor Augen, dass die Arzneimittelpreise heute nicht fair sind. Schon 1997 wollte Südafrika mit einem Gesetz den Import und die Herstellung von Anti-HIV-Generika ermöglichen. Da damit die Patentrechte verletzt worden wären, hat die Pharmaindustrie einen Prozess gegen die südafrikanische Regierung angestrengt. Erst im April 2001, nachdem die ganze Welt auf die unerhörte Geldgier der Industrie aufmerksam geworden war, haben sich die Pharmagewaltigen zu einem Rückzug ihrer Klage entschlossen. Die faire, in diesen Kreisen aber offenbar undenkbare Lösung des Konfliktes hätte darin bestanden, auf den Patentrechten zu beharren, gleichzeitig aber weltweit die Preise der antiretroviralen Medikamente so zu senken, dass wirklich alle behandelt werden können, die diese Medikamente benötigen. Ich weiss nicht, wieviele in Südafrika und anderswo gestorben sind, weil keine bezahlbaren Medikamente zur Verfügung standen (und wohl vielenorts weiterhin nicht zur Verfügung stehen). Wenn ich aber jeweils höre, wie sich die pharmazeutische Industrie für das Wohl der Menschheit einsetzt, fällt es mir schwer, die Assoziation "Heuchler" fernzuhalten.

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Literatur

  1. Stollorz V. NZZ Folio 2001 (April); 55-60
  2. http://www.info.novartis.com/investors/index_reports.html
  3. http://www.imshealth.com/
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Standpunkte und Meinungen

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pharma-kritik, 22/No. 17
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